Das Ende des Stillen Weltkriegs

Heute fand in Beijing die zweite riesige Siegesparade dieses Jahres statt – und dabei ging es keineswegs nur um den Sieg im 2. Weltkrieg. Der Sieg ist aktuell.

Nach der Parade zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Moskau am 9. Mai rollte nun also das chinesische Pendant in Beijing (Peking) über die Chang’an-Allee. Abordnungen von 17 ausländischen Streitkräften nahmen teil, auf der Tribüne saßen die Staatschef von 30 Nationen. Der Ehrengast war dabei selbstverständlich Russlands Präsident Wladimir Putin. Damit wurden die japanische Kapitulation vor 70 Jahren und das damit verbundene Ende des Krieges auch in Asien gefeiert. Aber war es wirklich nur das? Nein. Die Parade markiert vielmehr den Schlusspunkt einer aktuellen Entwicklung, die sich über mehr als 15 Jahre hochgeschaukelt hat. Und die auch ganz anders hätte ausgehen können.

Stell Dir vor es war Krieg…

Der Krieg gegen Jugoslawien 1999 legte den Grundstein: Die NATO-Staaten beanspruchten damit für sich das Recht, die Welt nach ihren Vorstellungen zu „ordnen“ und sich bei Bedarf über das Völkerrecht hinwegzusetzen. Spätestens mit den Anschlägen vom 11. September 2001 und dem daraufhin ausgerufenen „Krieg gegen den Terror“ war es offiziell: Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns…

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Zentralasien: Drohender Konflikt abgewendet

Kurzzeitig sah es dieses Jahr so aus, als könnten die weitgehend überwunden geglaubten geopolitischen Spannungen in Zentralasien wieder virulent werden. Doch mit dem Abschluss des “Atom”abkommens mit dem Iran und der dadurch klareren und kooperativeren politischen Großwetterlage ist diese Gefahr nunmehr gebannt.

Im Jahr 2010 war das zehnjährige “Neue Great Game” um Zentralasien de facto entschieden: Turkmenistan hatte beschlossen, sein Gas an Russland und China zu liefern, der Abzug aus Afghanistan wurde in die Wege geleitet, eine Revolte gegen den pro-russischen Regierungswechsel in Kirgisistan scheiterte, und damit war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Bishkek ebenso wie zuvor Tashkent die US-Armee aus dem Land werfen würde. Der 2001 begonnene Vorstoß der USA bzw. der NATO in den “russischen Hinterhof” war gescheitert, stattdessen würde die Region nun militärisch und kulturell von Russland, ökonomisch jedoch von China dominiert werden.

“Wahlen”, Minderheiten und Islamismus

Doch in jüngster Zeit gab es beunruhigende Anzeichen für eine mögliche erneute Eskalation, gar eine dritte Front im andauernden Konflikt des Westens mit Russland und dem Iran: Dies begann im März mit einer bizarren Meldung über die angebliche Lieferung von 150 Tonnen “Diplomatengepäck” an die US-Botschaft im kirgisischen Bishkek, was Viele über Parallelen zu den “Maidan”-Vorbereitungen in der Ukraine spekulieren ließ. Angesichts anstehender Wahlen in dem Land kein ganz unrealistischer Gedanke, wobei die Grenzen in der Region schwer kontrollierbar sind und auch ein anderes Land als Ziel vorstellbar wäre: Ende März wurde in Usbekistan und Ende April in Kasachstan der “autoritäre” Präsident des jeweiligen Landes mit über 90% der Stimmen wiedergewählt. Solche Wahlen waren schon in vielen Ländern Anlass für Proteste und versuchte Staatsstreiche, und unzufriedene Minderheiten, die sich im Bedarfsfall instrumentalisieren lassen, gibt es überall in Zentralasien. Weitere interessante Episoden, die im Fall von Unruhen eine größere Bedeutung hätten annehmen können, waren die Kampagne gegen Kasachstan im Juni (PolitikerInnen als “Image-BotschafterInnen”) und eine aufkommende Internetbewegung in Usbekistan im Juli, bei der sich Menschen mit dem Satz “Wir haben keine Angst” fotografierten.

Ein zweites potentielles (und teils reelles) Konfliktfeld in der Region ist weiterhin der Islamismus: Die “Islamische Bewegung Usbekistans” hatte bereits im Vorjahr dem “Islamischen Staat” ihre Gefolgschaft erklärt und bekräftigte dies nun nach der Bestätigung des Todes des Taliban-Führers Mullah Omar Ende Juli. Der neue “Herrscher der Gläubigen” Mullah Mansur muss um Anerkennung im islamistischen Lager kämpfen, nicht zuletzt weil der Tod seines Vorgängers den Anhängern zwei Jahre lang verschwiegen wurde. So wundert es kaum, dass einige Taliban zwischenzeitlich zum IS übergelaufen sind (der nach manchen Berichten auch besser zahlt); auch die Welle der Gewalt in Kabul Anfang August muss im Kontext dieses Machtkampfs gesehen werden. Tadschikistan scheint ebenfalls betroffen zu sein, so erklärte sich der u.a. von den USA ausgebildete Kommandeur der Spezialkräfte Khalimov zum IS-Anhänger  – das jüngst erfolgte Verbot einer islamischen Partei in dem Land lässt das nebenbei in einem anderen Licht erscheinen. Gleichzeitig sollen sich auch verstärkt Zentralasiaten auf den Weg nach Syrien gemacht haben, um dort für den IS zu kämpfen – und dann womöglich mit neuer Erfahrung und Autorität zurückzukehren, um den “Djihad” in ihre Heimatländer zu tragen.

Zentralasien vor einem Neuanfang

Doch seit dem 14. Juli hat sich auch hier das Blatt gewendet: Nach dem BRICS/SCO-Gipfel im russischen Ufa Anfang Juli sah sich der Westen einer Übermacht fast aller asiatischen Staaten in Form der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) gegenüber und war gezwungen, von Konfrontation und offenen Drohungen auf Kooperation umzuschalten. Das Ergebnis war der erfolgreiche Abschluss des “Atom”abkommes (tatsächlich handelt es sich um sehr viel mehr) der fünf Vetomächte und Deutschlands mit dem Iran, der im Wesentlichen der Vermittlung Moskaus zu verdanken sein dürfte, das sich seit jeher für eine diplomatische Lösung starkgemacht hatte. Dies bedeutet eine empfindliche Niederlage der Hardliner innerhalb der der westlichen Staaten, deren Expansionsbestrebungen damit auf absehbare Zeit, vermutlich sogar dauerhaft gescheitert sind. Nicht zuletzt betrifft das Zentralasien: Hier, im Herzen Eurasiens zwischen Russland, China Indien und dem Iran wird nun endgültig eine ganz neue Dynamik möglich, an der China mit seinem Projekt der “Neuen Seidenstraße” bereits seit zwei Jahren arbeitet. Das wird auch politische Veränderungen mit sich bringen, die aber im Interesse der wirtschaftlichen Entwicklung weitestgehend friedlich ablaufen dürften. Die nächste wichtige Etappe der globalen Diplomatie könnte von daher ein afghanischer Friedensvertrag werden.

Zeichen der Entspannung aus Kiew

Seit Mitte Juli hat sich die strategische Lage in der Ukraine fundamental gewandelt, statt auf Eskalation stehen die Zeichen nun mittelfristig auf Entspannung. Die Hintergründe liegen in einer veränderten strategischen Lage auf globaler Ebene. Höchste Zeit.

Am 13. Juli ordnete Präsident Poroschenko die Entwaffnung der Milizen des “Rechten Sektors” an, nachdem es zu einer Schießerei mit der Polizei mit mehreren Toten gekommen war. Die Organisation demonstrierte daraufhin in Kiew und rief zum Aufstand auf, was jedoch nur wenige Anhänger auf die Straßen trieb.

Damit war der politische Machtkampf zwischen Oligarchen- und Nationalistenlager schnell entschieden, der spätestens seit dem zweiten Minsker Abkommen vom Februar offensichtlich war: Poroschenko hatte in diesem die Autonomie des Donbass de facto anerkannt und das Ende der Kämpfe sowie eine Verfassungsreform versprochen, sehr zum Missfallen der rechten Hardliner in Politik und rechten Milizen wie “Azov”. Eine erste Zuspitzung hatte es bereits im März gegeben, in deren Folge der Oligarch Kolomoisky seinen Gouverneursposten in Dnepropetrovsk verlor.

Die zweite wichtige Entscheidung gab es am 16. Juli, als das Parmalent überraschend eine Verfassungsänderung zur Dezentralisierung des Landes beschloss, wie es das Minsker Abkommen vorsah. Im Donbass werden damit von Kiew anerkannte autonome Wahlen denkbar, wohl in Vorbereitung dessen hatte Poroschenko im Juni bereits den Gouverneur von Donezk ausgewechselt. Aber auch in Kiew dreht sich das Personalkarussell und kündet von sich verändernden Machtverhältnissen: Nachdem kurz zuvor bereits Geheimdienstchef und Gesundheitsminister ihre Posten verloren, traf es Mitte Juli den Chef der Luftwaffe; außerdem kursieren Gerüchte über eine weitergehende Kabinettsumbildung im Herbst.

Neues internationales Umfeld

Damit sind die entscheidenden Hürden auf dem Weg zu einem dauerhaften Waffenstillstand auf einen Schlag aus dem Weg geräumt. Da ein so plötzliches Umdenken in Kiew wohl ausgeschlossen ist, muss die Ursache hierfür in einer Veränderung des Verhältnisses zu den Staaten des “Westens” liegen, von denen die ukrainische Regierung ökonomisch (und damit auch politisch) vollkommen abhängig ist.

Hatten diese schon zuvor zunehmend die Geduld verloren mit Kiews Unfähigkeit, Reformen z.B. zur Bekämpfung der Korruption voranzutreiben, so scheinen sie diesem nun unmissverständlich klargemacht zu haben, dass an der tatsächlichen und zeitnahen Umsetzung der Vereinbarungen von Minsk kein Weg vorbeiführt. Das stellt eine strategische Neuausrichtung ersten Ranges dar und wird mittelfristig auch das Verhältnis des Westens zu Russland zum Positiven wenden.

Es kann davon ausgegangen werden, dass Moskau eine Gegenleistung dafür erbracht hat, dass die unmittelbare Kriegsgefahr an seiner Südgrenze deutlich abgeschwächt wurde. Fast zeitgleich erfolgte die “Einigung” mit Griechenland und der endgültige Durchbruch in den Verhandlungen mit dem Iran; bei beidem ist denkbar, dass Russlands Einflussnahme entscheidend für das Zustandekommen war.

Unterdessen an der Front

Angeblich kam es um den 10. August zu den schwersten Kämpfen seit Langem, nachdem Ende Juli erneut ein ausgehandelter Waffenabzug im Sande verlaufen war: Die ukrainische Armee habe Donezk und Gorlowka unter heftigen Beschuss genommen, während die Separatisten nördlich von Mariupol in die Offensive gegangen seien. Also doch alle Zeichen auf Eskalation, wie das Viele seit Monaten befürchten?

Nein. Die oben genannten Entwicklungen bedeuten, dass Kiew militärisch nichts zu gewinnen hat und die Zügel im Bürgerkrieg deutlicher an sich nimmt, während die Rebellen zwar vermutlich die Möglichkeit hätten, Terrain zu erobern, aber sicherlich nicht die Zustimmung Moskaus dazu. Von daher ist eine dramatische Zuspitzung seit Mitte Juli ganz im Gegenteil extrem unwahrscheinlich, ja unmöglich geworden.

Die jüngsten Kämpfe könnten Zeichen einer Frontbegradigung sein, um etwaigen weiteren Beschuss der Großstädte im Donbass zu erschweren, oder ein letzter Verzweiflungskampf der nationalistischen Milizen, deren einzige Chance weiterzubestehen jetzt darin liegt, sofort eine Ausweitung des Krieges herbeizuführen. Angesichts der Kräfteverhältnisse wird ihnen das jedoch nicht gelingen – zum Glück.

Trotz der Bedeutung des Themas hatte ich mich bislang nicht ausführlicher der Ukraine gewidmet, da ich die Situation für zu heikel hielt und nicht dazu beitragen wollte, durch übermäßige mediale Analyse die labile Situation u.U. negativ zu beeinflussen. Der Konfliktverlauf scheint meine bisherige Einschätzung zu bestätigen, und soweit ich es beurteilen kann, ist – trotz der jüngsten Eskalation der Kämpfe – die akute Gefahr eines größeren Krieges seit Juli gebannt. In Vorbereitung eines detaillierteren Artikels skizziert dieser Text kurz und knapp die jüngeren Entwicklungen und deren Bedeutung.

“I think we have a deal.”

2015 als Wendepunkt

Es ist zwar Ende Juli, dennoch möchte ich heute noch kurz darauf eingehen, warum mir 2015 das perfekte Jahr zu sein scheint, um einen Blog über Geopolitik zu beginnen, bevor ich wieder zu Aktuellerem komme.

Eine fünfhundertjährige Ära geht in diesem Jahr zu Ende. Einen so epochalen Umbruch erlebte die Welt zuletzt 1492 bzw. 1494, als die “Entdeckung” Amerikas und der Vertrag von Tordesillas die jahrhundertelange Beherrschung der Welt durch die europäischen Kolonialmächte einläuteten. Dass diese eurozentrische Weltordnung derzeit von China und Russland zu Grabe getragen wird, scheinen wir auf unserem kleinen Kontinent noch nicht einmal mitzubekommen – was vielleicht nicht einmal das Schlechteste ist. Denn Anpassung braucht Zeit, und allzu schnelle Machtverschiebungen können höchst gefährliche Folgen haben.

Pepe Escobar schrieb sinngemäß, 2015 werde im geopolitischen Sinne ein “episches Jahr” werden. Wer ihn nicht kennt: Escobar, gebürtiger Brasilianer, ist seit vielen Jahren das “roving eye”, der rasende Reporter von Asia Times Online, einer in Hong Kong ansässigen Nachrichtenseite, schreibt aber auch für andere Medien. Sein Stil mag speziell sein, ausgreifend, polemisch, blumig, zu Übertreibungen neigend – seine meinungsfreudigen Analysen gehören jedoch zum Besten und Unterhaltsamsten, was es zum Thema Geopolitik (besonders Asiens) zu lesen gibt. Dass er manchmal den bekannten Satz zu bestätigen scheint, wonach ein Mensch, der seiner Zeit zu weit voraus ist, leicht für einen Trottel gehalten wird, stört ihn dabei vermutlich nicht besonders.

Werfen wir zunächst einen Blick zurück

2014 war das Jahr, in dem die USA versuchten, einen Keil zwischen die EU (bzw. Deutschland) und Russland zu treiben, indem sie erstere drängten, die von Washington installierte anti-russische Putschregierung in Kiew zu unterstützen. Das tat die EU auch, aber nur bis zu einem gewissen Grad: Berlin gelang es, den Rest der Union davon zu überzeugen, in keinem Fall Waffen zu liefern oder gar selbst militärisch einzugreifen, und schloss mit Russland, Frankreich und der Ukraine im September das erste Minsker Abkommen (und nach erneuten Kämpfen im Februar dann das zweite), das den Weg zu einer Verhandlungslösung ebnen sollte – ohne die USA. Deren Strategie scheint damit gescheitert, auch wenn die Beziehungen zwischen Moskau und Brüssel/ Berlin durch die gegenseitigen Sanktionen weiterhin stark belastet sind.

Gleichzeitig gab es im Mittleren Osten eine strategische Verschiebung: Der Krieg gegen den “Schlächter Assad” wandelte sich zu einem Krieg gegen den “blutrünstigen Islamischen Staat”, der vom Machthaber in Damaskus den Wanderpokal des “größten regionalen Übels” übernahm. Brutale islamistische Milizen, die von den Golfdiktaturen ausgerüstet wurden, hatte es schon in den Jahren zuvor dort gegeben, doch waren sie als Alliierte im Kampf gegen die syrische Armee, und damit gegen den regionalen Einfluss des Iran, bis dato willkommen. Wenn nun der Fokus der westlichen Intervention sich zunehmend auf die Bekämpfung des IS richtete, dann bedeutete das nicht nur eine Verminderung des Drucks aus den Iran, sondern auch ein deutliches Signal an Saudi-Arabien.

Eine weitere wichtige Tendenz des vergangenen Jahres war die faktische Besiegelung des strategischen Bündnisses zwischen Moskau und Beijing, das sich schon seit Jahren angedeutet hatte, etwa durch abgestimmtes Verhalten im Sicherheitsrat. 2014 gab es dann nicht nur zwei gigantische Gaslieferverträge (von denen nicht nur allen Beteiligten klar sein dürfte, dass sie nicht in Dollar abgerechnet werden werden), sondern auch weitere Finanz- und Wirtschaftsabkommen, darunter eines über einen Währungs-Swap in Höhe von 150 Milliarden Yuan. Dieser dürfte ein wesentlicher Grund dafür gewesen sein, dass der spekulative Angriff auf den Rubel im Dezember dann spektakulär scheiterte. Weitere Zeichen dafür, dass Eurasien (gegen die USA bzw. die NATO) enger zusammenrückt, sind die Gründung der Eurasischen Wirtschaftsunion durch Russland, die Gründung der multilateralen Finanzinstitutionen AIIB und NDB (“BRICS-Bank”) und die Planung der “Neuen Seidenstraße” durch China, von Vielen als größtes Infrastrukturprojekt des Jahrhunderts bezeichnet.

Wende statt Ende der Geschichte

Damit ist eine Entwicklung eingeleitet, die sich nicht mehr aufhalten lassen dürfte und den Verlauf der nächsten Jahrzehnte weltpolitisch prägen wird. Schon 2015 hat gute Chancen, als entscheidender Einschnitt in die Geschichte einzugehen, als Jahr eines großen Umbruchs, wie die Welt ihn nur etwa alle fünfhundert Jahre erlebt. 1492 begann die Vorherrschaft Europas (und seiner Ableger) in der Welt, 2015 endet sie. Dazwischen lagen die wichtigen, aber nicht im gleichen Sinne epochemachenden Wendepunkte 1648, 1815 und 1918. Die entscheidende Frage ist heute, wie friedlich oder kriegerisch dieser Übergang vonstatten gehen wird. Momentan scheint die Welt zwar unruhig und unsicher, aber gemessen am Ausmaß der Verschiebung der Machtverhältnisse sind die gegenwärtigen Kriege noch erstaunlich begrenzt. Und wenn alle relevanten Akteure eine Form der Kooperation finden, dann kann es durchaus dabei bleiben.

Dabei standen noch vor Kurzem alle Zeichen auf Konfrontation: Der Ukraine-Konflikt hielt Europa in Atem, und eine unkalkulierbare Eskalation unter Mitwirkung der Großmächte schien nicht ausgeschlossen. Diese zeitweilige Gefahr konnte glücklicherweise durch umsichtige Diplomatie entschärft werden. Inzwischen ist trotz weiterhin vorhandener Differenzen nicht mehr mit einer dramatischen Zuspitzung zu rechnen, zumal insbesondere die Europäer dies um jeden Preis vermeiden wollen. Der hochintelligente Stratege Putin spielt dabei seit anderthalb Jahren mit dem Westen “tit for tat”, augenscheinlich mit gewissem Erfolg. Er wird sicherlich nicht nachgeben, zumal die Zeit für Moskau arbeitet: Das Regime in Kiew ist pleite und in der Bevölkerung verhasst, sein Sturz ohne einen drastischen Kurswechsel nur noch eine Frage der Zeit. Auch zeigt Moskau der NATO mit regelmäßigen Manövern, dass es sich für ein Kräftemessen gerüstet fühlt, und modernisiert derzeit im Eiltempo seine Streitkräfte. Trotz der sonstigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten scheint das Land dabei rüstungstechnisch in den letzten 10 Jahren aufgeholt zu haben.

Neue eurasische Kooperation

Beijing zeigt sich derweil zwar weiterhin diplomatisch vergleichsweise zurückhaltend, entfaltet aber eine rege Aktivität auf vielen Gebieten und vertritt seine Positionen immer selbstbewusster. Die militärische Komponente wird dabei selbst in seiner unmittelbaren Nachbarschaft nur sehr zurückhaltend eingesetzt, während die zunehmende wirtschaftliche Durchdringung fast aller Weltregionen den Kern der Bemühungen Beijings bildet: Damit ergeben sich nicht nur handfeste Vorteile für kooperierende Staaten, sondern natürlich auch Abhängigkeiten – und im Endeffekt gemeinsame Interessen, die sie de fakto zu strategischen Verbündeten Chinas machen. So scheint zumindest das Kalkül der dortigen Führung zu lauten, und ein flüchtiger Blick auf die Weltkarte der geopolitischen Allianzen und “Freundschaften” genügt um zu sehen, dass dieses bislang aufgeht. China gewinnt vor allem deshalb an Einfluss, weil es derzeit als einzige Macht Anderen eine positive Zukunftsperspektive anzubieten hat: Wer mit Beijing wirtschaftlich und später politisch kooperiert, dem winken eine bessere Infrastruktur, steigender Wohlstand und eine gewisse Stabilität. Was hat der Westen zu bieten, außer Waffen und einem Konto in der Schweiz?

Die “Neue Seidenstraße” ist die Krönung dieser Strategie, verheißt sie doch nicht nur gewaltige Investitionen, sondern auch das Zusammenwachsen von zwei Kontinenten mit fünf Milliarden Einwohnern und allen erforderlichen Rohstoffen in ausreichender Menge. Eigentlich sollte die EU Teil dieses Projekts sein, zumal Moskau, wohl nicht zu Unrecht, sonst befürchtet, sich allzu offensichtlich in der Rolle des Juniorpartners wiederzufinden. Daher hat Putin immer wieder für eine Kooperation “von Lissabon bis Wladiwostok” geworben, um so gemeinsam ein adäquates Gegengewicht zur drohenden chinesischen Übermacht bilden zu können. Doch wirklich materiell gebraucht wird Europa für das Projekt “eurasische Integration” nicht mehr, da sich der technologische Rückstand Chinas und Russlands stark verringert hat. Mit der Eskalation des Ukraine-Konflikts aufgrund der zögernden Haltung Europas hatte Moskau dann quasi keine andere Wahl mehr, als einer Kooperation “zu chinesischen Bedingungen” zuzustimmen. Wie endgültig diese Weichenstellung war, wird sich noch zeigen müssen: Zum Lackmustest der “Freundschaft” könnte dabei die Frage nach der zukünftigen Leitwährung werden, hier haben Beijing und Moskau mit Sicherheit divergierende Interessen: Yuan Renminbi oder eine globale Kunstwährung?

Europa darf sich dieser entstehenden eurasischen Kooperation natürlich weiterhin gerne anschließen, muss sich dann aber wohl damit abfinden, dass wichtige Regeln schon vorher von den Gründungsmitgliedern des “Clubs” ausgehandelt wurden. Die sogenannten “Eliten” der EU scheinen inzwischen mitbekommen zu haben, wohin die Reise geht, und werden daher zunehmend nervös, während die Öffentlichkeit diesbezüglich weitgehend im Tiefschlaf verharrt. Angesichts der weitreichenden Auswirkungen, die die gegenwärtige Wachablösung auf das innerste Selbstverständnis der Europäer_innen haben muss, sowie der schwer zu kalkulierenden politischen Folgen, ist es wohl auch nicht das Schlechteste, wenn sich dieser Bewusstseinswandel langsam und schrittweise vollzieht. Denn historisch betrachtet waren Zeiten des relativen Niedergangs eines Landes fast immer mit sozialem Verfall verbunden, gespeist aus einer Vielfalt wirtschaftlicher, politischer, kultureller und psychologischer Ursachen.

USA in unangenehmer Lage

Dass den USA all dies nicht gefallen kann, liegt auf der Hand – allein, sie haben keine andere Wahl, als es geschehen zu lassen und sich anzupassen. Wirtschaftlich sind sie von China abhängig, das den Dollar prinzipiell jederzeit fallenlassen kann, daran aber natürlich real kein Interesse hat. Die beschworene “Renaissance” der US-Industrie kommt kaum voran, nicht zuletzt weil der aufgeblähte Finanzsektor alle Ressourcen und Gewinne aufsaugt und so einen Aufschwung der Realwirtschaft verhindert, und so ist der amerikanische (Konsum-)Traum weiterhin “Made in China”. Die Aussichten auf “regime change” in Moskau oder Beijing sind schlecht bis nicht vorhanden, und an eine ernsthafte militärische Konfrontation ist ohne Europa nicht zu denken. Die Bündnisbemühungen, die Obama nach dem Unilateralismus der Bush-Jahre unternommen hat, haben nur bescheidene Erfolge gezeitigt: Die Fähigkeit Washingtons, eine globale Führungsrolle einzunehmen, reicht weiterhin nicht annähernd an die der Clinton-Zeit heran. So bleibt Obama nichts anderes übrig, als gute Miene zum (aus US-Sicht) bösen Spiel zu machen, und sich auf eine Form der globalen Kooperation einzulassen. Trotz wiederholter Versuche gelingt es seiner Regierung nicht, Verbündete wie früher “bedingungslos” hinter sich zu scharen – mit Ausnahme einiger weniger Staaten (Großbritannien, Japan, Australien, Kanada). Der Wandel bleibt somit unaufhaltsam, und es wird nicht leicht sein für die US-Amerikener_innen, sich mit diesem Faktum anzufreunden.

Sie hätten es geruhsamer haben können: Die Regierungszeit von Obamas Vorgänger George W. Bush war mit für den globalen US-Führungsanspruch fatalen Fehlern gepflastert, wodurch der Zeitpunkt der “Wachablösung” um geschätzte zehn Jahre vorverlegt wurde. Der “Krieg gegen den Terror” sowie der Angriff auf den Irak, beides von Washington jenseits allen Völkerrechts und gegen starken Widerstand auch seitens der Verbündeten betrieben, haben das globale Ansehen der USA nachhaltig geschädigt und damit ihren politischen und kulturellen Einfluss in der Welt im Effekt deutlich geschmälert. Nebenbei wurde das Land dadurch auch militärisch geschwächt und seinen Rivalen Zeit gegeben, rüstungstechnisch und bündnispolitisch aufzuholen – das steht für die ersten fünf Jahre Beschleunigung der Geschichte. Andererseits verließen sich die USA unter Bush II wirtschaftlich auf einen durch den Börsenboom und dessen Kehrseite, die rasant zunehmende Verschuldung der Bevölkerung, suggerierten Scheinwohlstand. Solange die Kurven nach oben zeigten und die Gewinne sprudelten, fragte niemand nach den materiellen Grundlagen dieses “Wachstums”, während die als “altmodisch” angesehene Industrie, von wenigen Branchen abgesehen, großteils nach Ostasien abwanderte. Das darauf unweigerlich folgende Platzen der Finanzblase und die offensichtlich nicht nachhaltigen Versuche, den entstandenen Schaden durch Sozialisieren aller Verluste zu begrenzen bzw. zu übertünchen, stehen für die zweiten fünf Jahre.

China vor neuen Problemen

Der derzeitige Börsencrash in China seit Mitte Juni und die erstaunlich chaotischen, ja panischen (und mäßig erfolgreichen) Versuche von Börsenaufsicht, Regierung und Zentralbank, diesen einzudämmen, haben der Welt vor Augen geführt, dass auch der “permanente Wirtschaftsboom” im Reich der Mitte seine Schattenseiten hat. Die dort entstandenen Überkapazitäten, denen zunehmend die Abnehmer fehlen, sind das Spiegelbild des schuldenfinanzierten Konsumwahns anderer Staaten, besonders der USA und Großbritanniens. Zwar bemüht sich Beijing intensiv um eine Stärkung der Binnennachfrage, doch sind die globalen Ungleichgewichte und die einseitigen Wirtschaftsstrukturen zu ausgeprägt, als dass eine baldige Lösung aus der gegenseitigen Abhängigkeit realisierbar schiene. Jeder Ausweg aus dieser komplementären, aber zunehmend dysfunktionalen Dualität wird also viel Zeit benötigen – und sicher nicht ohne potentiell gefährliche Konflikte vonstatten gehen, die nur durch Umsicht und Kooperation entschärft werden können.

Die Auswirkungen des Crashs werden China zwar wirtschaftlich schwächen, seinen Aufstieg jedoch kaum dauerhaft bremsen. Gewissermaßen hat er sogar sein Gutes, zeigt er den dortigen Machthabern doch, dass sie genauso wenig omnipotent sind wie andere Regierungen auch und damit genauso auf Kooperation angewiesen. Das kann dazu beitragen, den ebenfalls anstehenden (und bereits stattfindenden) Wandel der politischen Welt abzumildern und damit zu erleichtern. Beijing hat auch hier sicherlich kein Interesse an einem abrupten Übergang, der Konflikte eskalieren lassen könnte, und so kommt es ihr sicher nicht ungelegen, dass der Aufstieg von BRICS und SCO (Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit) im Westen bisher kaum wahrgenommen wurde.

Integration aller Mächte als Herausforderung

Das dürfte sich jedoch spätestens nach den Ereignissen auf und um den BRICS/SCO-Gipfel im russischen Ufa Anfang Juli ändern: Dort wurde die Aufnahme der früheren US-Verbündeten Indien und Pakistan in die SCO ebenso beschlossen wie die verstärkte Zusammenarbeit mit dem Iran. Wenige Tage danach entspannte sich die Lage in der Ukraine aufgrund des Kurswechsels der Regierung, während Griechenland sich dem Diktat der Euro“partner” unterwarf – möglicherweise ein Tauschgeschäft der NATO mit Russland. Fast gleichzeitig wurde in den Verhandlungen der “P5+1” mit dem Iran ein Durchbruch erzielt, der das Land aus der jahrzehntelangen Paria-Rolle herausführen dürfte. Erwartungsgemäß spucken Israel und Saudi-Arabien ob dieses Schwenks in der US-Außenpolitik Gift und Galle, während sich die Türkei relativ schnell angepasst und dem Kampf gegen den zuvor von ihr geduldeten IS angeschlossen hat.

Das muntere “Bündnis wechsel Dich”-Spiel ist nicht nur im Mittleren Osten in vollem Gange, und es ist noch keineswegs abzusehen, wie das Ergebnis letztlich aussehen wird. Doch eines steht fest: Die alte unipolare Weltordnung der nach-Kalter-Kriegs-Zeit ist tot und wird nicht wiederauferstehen. Die Sonderrolle der NATO bzw. der USA war im neuen Jahrtausend ein Anachronismus und konnte nicht dauerhaft Bestand haben. Was immer danach kommt, wird mit einiger Sicherheit kooperativer und demokratischer sein – und höchstwahrscheinlich polizentrisch, da keine Macht stark genug sein wird, das neue System zu dominieren. Leider besteht das Risiko, dass Einige diese Verheißung als Bedrohung empfinden, da sie vermeintliche oder tatsächliche Verluste befürchten. Und auch der Blick in die Geschichte zeigt, dass die periodischen Umbrüche und Machtverschiebungen in aller Regel unfriedlich vonstatten gingen.  Tatsächlich erlebt die Welt heute zwar zahlreiche Kriege sowie bewaffnete oder unbewaffnete Konflikte, allerdings gehen diese nicht über das leider “übliche” Maß hinaus und sind bisher weitestgehend regional eingegrenzt. Wenn es dabei bleibt, und momentan sieht es danach aus, dann würde die Welt mit einem “blauen Auge” davonkommen, wo durchaus weitaus Schlimmeres denkbar wäre.

Global betrachtet besteht die aktuelle Herausforderung somit darin, den welthistorischen Übergang so zu gestalten, dass alle Seiten dabei ihr Gesicht wahren und von einem Gebrauch von Gewalt in größerem Maßstab (d.h. mit globalen Auswirkungen) abgehalten werden können. Das ist schwierig, aber den entsprechenden Willen und etwas Weitsicht vorausgesetzt kann es gelingen – wenn ein Bewusstsein für die bestehenden Gefahren vorhanden ist und eine Bereitschaft, die Interessen aller maßgeblichen Akteure bei eigenen Entscheidungen zu berücksichtigen, auch wenn sie egoistisch und unberechtigt scheinen mögen. Dazu kann es nötig sein, zumindest zeitweise auf etwas zu verzichten, worauf nach allgemeiner Überzeugung die eigene Seite einen Anspruch hätte, wenn dadurch Spannungen abgebaut, Umbrüche entschleunigt und der Gegenseite genug Zeit zur Anpassung an veränderte Bedingungen gegeben wird. Der Erhalt des (relativen) Friedens sollte es wert sein, auch einmal (oder mehrmals) klug nachzugeben.