Die Saudis rüsten zur letzten Schlacht

Riad befindet sich in einer Zwickmühle: Einen direkten militärischen Konflikt mit Teheran kann es keinesfalls riskieren, aber Frieden ist auch keine Option. So droht eine Ausweitung der Stellvertreterkriege

Seitdem die saudische Führung die Hinrichtung des schiitischen Geistlichen al-Nimr und 46 weiterer Personen am 2. Januar angeordnet hat, stehen die Zeichen zwischen den regionalen Rivalen Riad und Teheran auf Eskalation (Nach den saudischen Hinrichtungen: Der Nahe Osten im Eskalationsmodus). Der Erstürmung der saudischen Botschaft durch wütende Demonstranten folgte die Einstellung der diplomatischen und Handelsbeziehungen durch die Saudis. Möglicherweise war dies ein letzter Versuch, die Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran und damit einen Erfolg des „Atomabkommens“ zu verhindern – wenn ja, dann ist er gescheitert.

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Mit Al-Qaida für den Frieden

In Afghanistan sind fast vierzehn Jahre nach Beginn des “Anti-Terror-Krieges” endlich Verhandlungen mit den Taliban möglich, und auch in Syrien verändert sich derzeit die strategische Lage grundlegend. Damit einher geht eine veränderte Rolle von Al-Qaida: Im islamistischen Lager steht diese nun für die Chance auf eine friedliche Lösung – und gegen die kriegerische Zerstörungswut des “Islamischen Staats”.

Am 13. August erklärte Aiman al-Zawahiri, der offizielle Kopf von Al-Qaida, dem neuen Taliban-Anführer und “Herrscher der Gläubigen” Mullah Akhtar Mansur die Gefolgschaft, erklärte eine sogenannte “bayah”. Natürlich wurde diese Nachricht im Westen wenig beachtet, aber angesichts der Bedeutung des Vorgangs für Teile der islamischen Welt ist das kaum verständlich. Al-Zawahiri hatte sich zuvor fast ein Jahr lang nicht zu Wort gemeldet, und über wieviel Autorität er heute noch innerhalb der islamistischen “Gemeinde” verfügt ist unklar. Dennoch dürfte seine Stimme in der aktuellen Situation Gewicht haben und Mansur den Rücken stärken: Dieser hat innerhalb der Taliban nicht nur Freunde, was einerseits damit zusammenhängt, dass der Ende Juli bestätigte Tod seines Vorgängers Mullah Omar den Anhängern zwei Jahre lang verschwiegen wurde, andererseits mit den höchst umstrittenen und zunächst geheimgehaltenen Vorbereitungen, die dann am 7. Juli zu den ersten offiziellen Friedensgesprächen im pakistanischen Murree führten. Entscheidend für deren Zustandekommen dürfte die bereits im November angebotene Vermittlung Chinas gewesen sein: China ist einerseits um die Sicherheit in der nordwestlichen Region Xinjiang besorgt, hat aber andererseits auch ökonomische Interessen in Afghanistan und Pakistan in Form von Infrastruktur- und Bergbauprojekten. Die versprochenen 46 Milliarden Dollar chinesischer Investitionen dürften dem zuvor ambivalenten Pakistan die Unterstützung der Verhandlungen schmackhaft gemacht haben.

Taliban vertreiben IS aus Afghanistan

Nach dem weitgehenden Abzug der NATO-Truppen bis Ende 2014 bricht damit in Afghanistan tatsächlich eine neue Ära an. Die Talibanführung, ohnehin vermutlich kriegsmüde, weiß, dass bei der angestrebten Lösung des Afghanistankonflikts ihre Interessen in irgendeiner Form berücksichtigt werden müssen, wenn das Arrangement eine Chance haben soll. Die Nachricht vom Tod des langjährigen Anführers schien die Verhandlungen zunächst zu gefährden, doch dürfte dies darauf zurückzuführen sein, dass Mullah Mansur nun durch ein “entschiedenes Auftreten” zunächst seine Autorität im eigenen Lager festigen musste. Das umso mehr, als auch der “Islamische Staat” sich zunehmend in der Region ausbreitete: Nachdem bereits im Herbst 2014 ein Teil der pakistanischen Taliban sowie angeblich die “Islamistische Bewegung Usbekistans” (IMU) dem IS ihre Gefolgschaft erklärt hatten, wurde Ende Januar die Gründung der zentralasiatischen “IS-Provinz Khorasan” erklärt. Beim Überzeugen abtrünniger Taliban-Kommandeure soll gerüchteweise die Tatsache eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben, dass der IS schlichtweg besser zahlt.

Ihren ersten schweren Anschlag verübte der IS am 18. April im ostafghanischen Djalalabad, doch stieß er auf erbitterten Widerstand der Taliban, die dabei interessanterweise von ihrem früheren Erzfeind Iran unterstützt wurden. Nach schweren Kämpfen forderten sie den IS im Juni offiziell auf, das Land zu verlassen. Im Juli wurde schließlich der ranghöchste Kommandeur der “IS-Provinz Khorasan” getötet, woraufhin es stiller wurde um den IS in Afghanistan. Die schweren Anschläge Anfang August in Kabul und Kunduz mit etwa 100 Toten könnten der letzte ernsthafte Versuch des “Islamischen Staats” bzw. abtrünniger Taliban gewesen sein, die Friedensverhandlungen zu torpedieren und Mullah Mansurs Führerschaft zu untergraben. In dieser Situation war die “bayah” al-Zawahiris möglicherweise der entscheidende Faktor, der das verhindern konnte.

Syrien: Verhandlungen mit Al-Nusra möglich?

In Syrien intensivierten sich derweil in den letzten Jahren die Kämpfe von “Ahrar Al-Sham” sowie “Al-Nusra-Front” (JAN) gegen den “Islamischen Staat”, der als Fremdkörper in der Region betrachtet wird. Beide Milizen haben ihre Hochburgen im Nordwesten des Landes, wobei Al-Sham bereits Anfang 2011 gegründet wurde, während Al-Nusra erst nach Beginn des Bürgerkriegs als regionale Al-Qaida-Gruppe aufgebaut wurde. Trotz manchmal geäußerter Zweifel scheint Al-Nusra weiterhin der Mutterorganisation die Treue zu halten, so dass al-Zawahiris “bayah” auch für sie von Bedeutung ist. Nachdem Ende Juli Al-Nusra einige Mitglieder der neuen US-trainierten Miliz “Division 30” getötet bzw.entführt hatte, erklärten diese, nicht gegen den Al-Qaeda-Ableger kämpfen zu wollen und sprach sich gegen Luftangriffe auf diesen aus. Damit festigte Al-Nusra einerseits ihre Position in der nordwestlichen Provinz Idlib, während sie andererseits erklärte, den Aufbau der geplanten türkisch-amerikanischen “Schutzzone” nicht zu unterstützen. De facto läuft das auf eine informelle Arbeitsteilung hinaus, während gleichzeitig durch lokale Waffenstillstände die prinzipielle Möglichkeit von Verhandlungen demonstriert wurde.

Im Umfeld des “Atom”abkommens mit dem Iran sind derzeit weltweit weitreichende geopolitische Umbrüche zu beobachten. Diese machen offensichtlich auch vor dem islamistischen Lager nicht halt: Mit seiner “bayah” macht sich al-Zawahiri ebenso wie Mullah Mansur zum Fürsprecher von Verhandlungen in Afghanistan und Syrien, und auch wenn dies innerhalb von Al-Qaida sicher nicht unumstritten ist, so beeinflusst es deren Position doch nachhaltig. Insbesondere setzt sich al-Zawahiri damit auch noch deutlicher von der brutalen Kriegshetze des “Islamischen Staats” und seiner Anhänger ab, die damit in der sunnitischen Welt weiter isoliert werden.

Umbruch als Chance für die islamische Welt

Damit werden die afghanischen Taliban wie auch Al-Qaida potentiell zu konstruktiven Partnern bei der Suche nach einer Friedenslösung in beiden Konfliktregionen. Wie auch immer die jeweiligen Nachkriegsarrangements aussehen werden, sie werden sich nicht völlig gegen ihre Interessen durchsetzen lassen: Denkbar ist sowohl eine Form der Beteiligung an der Macht als auch eine weitgehende Amnestie für die noch lebenden Führer der sogenannten “Terrororganisationen”. Implizit werden sie damit zu (strategischen) Verbündeten Russlands und Irans, die sich stets für Verhandlungslösungen ausgesprochen hatten. Auch Pakistan hat sich inzwischen dieser Position angeschlossen, der sich die USA nun mangels gangbarer Alternativen ebenfalls nicht mehr verschließen. Aufgrund ihrer lange Zeit ambivalenten Haltung in den beiden Kriegen stehen sie dabei jedoch eher in zweiter Reihe, passen sich eher an, als dass sie selbst die Initiative ergreifen würden.

Ähnliches gilt für die Türkei, der zwar erlaubt wird, den “drohenden” Aufbau eines kurdischen Staats in Nordsyrien zu verhindern, die sich aber im Gegenzug bereiterklären musste, sich aktiv am Krieg gegen den IS zu beteiligen – sehr zum Missfallen religiös-konservativer Kreise im Land. Die aktuellen “Enthüllungen” um türkische Waffenlieferungen an den IS sowie die anlaufende direkte russische Unterstützung für die syrische Armee sind deutliche Zeichen einer veränderten strategischen Situation im Mittleren Osten. Das “Atom”abkommen ermöglicht einen Neuanfang und öffnet endlich einen, wenngleich sicher steinigen, Weg zum Frieden – und die Tage des von außen aufgepflanzten “falschen Kalifats” des “Islamischen Staats” sind damit gezählt. Was das für die Kriege in Libyen und Jemen bedeutet, ist noch unsicher – sicher ist, dass diese Entwicklungen auch dort nicht ohne Folgen bleiben werden.

Ein Mythos tritt ab

Was die Authentizität von al-Zawahiris “bayah” angeht, dürfen selbstverständlich Zweifel geäußert werden: Seit seiner letzten Wortmeldung im September 2014 wurden zahlreiche ranghohe Al-Qaida-Führer getötet, ohne dass er dies kommentiert hätte. Ist er am Ende längst tot, ist “seine” jüngste Erklärung vielleicht nur ein Trick, um seine Gefolgsleute zu beeinflussen? Diese Frage ist ebenso interessant und berechtigt wie sie letztlich irrelevant ist: Al-Qaida war stets vor allem mediales Konstrukt, dessen Macht auf dem Namen Bin Ladens und weiterer Anführer sowie dem Glauben ihrer Anhänger an diese beruhte – und auf der Furcht eines Großteils der Menschheit vor ebendiesen. Ob die Erklärung al-Zawahiris wirklich von diesem stammt oder nicht, spielt somit für deren Effekt keine Rolle, entscheidend ist allein der Glaube der Menschen an den “Terrorfürsten”. Es dürfte zukünftig stiller um ihn werden.

Das mystifizierte, überhöhte Feindbild “Al-Qaida” dürfte ab jetzt zunehmend verschwinden, da es in der neuen Ära der Diplomatie keinen Platz mehr dafür gibt – und auch keinen Bedarf, weder bei seinen (früheren) Anhängern noch bei seiner verängstigten (medialen) Zielgruppe. In Syrien steht zu erwarten, dass die Al-Nusra-Front gegenüber Ahrar Al-Sham in den Hintergrund treten wird: Es gibt zwar kaum einen ideologischen Unterschied zwischen den beiden Milizen, doch hat Letztere zumindest offiziell keine Verbindungen zu Al-Qaida und kann damit eher ein akzeptierter Verhandlungspartner sein. Was mit dem jemenitischen Al-Qaida-Ableger AQAP passieren wird ist unklar, doch wäre es nicht überraschend, wenn es (auch) um diesen stiller würde und das Augenmerk der Weltöffentlichkeit sich stattdessen auch dort auf den “Islamischen Staat” richtete. Al-Qaida hat damit ausgedient, als Schreckgespenst ebenso wie als Rekrutierungsbörse: Tatsächlich fanatisierte Islamisten aus aller Welt zieht es ohnehin schon seit Jahren zum “radikaleren, erfolgreicheren” IS. Vermutlich sehen einige Länder dies als willkommene Möglichkeit, potentiell gefährliche Fanatiker loszuwerden – und das dürfte auch der Hauptgrund dafür sein, dass der IS noch eine Weile sein Unwesen treiben wird, z.B. in Somalia oder Nigeria. Radikale Milizen lassen sich bekämpfen, wenn der politische Wille dazu vorhanden ist – doch Ideologien, die sterben langsamer aus.

 

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über die strategische Neuausrichtung der USA und deren politische und ökonomische Auswirkungen. Bisher erschienen:

Die neue Geopolitik – Die Folgen des #Irandeals – Eine Übersicht der geostrategischen Bedeutung des „Atom“-Abkommens der P5+1 mit Teheran

2015 als Wendepunkt – Versuch einer historischen Einordnung der aktuellen Entwicklungen

„I think we have a deal“ – Beschreibung und Deutung der veränderten Situation in Syrien

Zeichen der Entspannung aus Kiew – Auch in der Ukraine ist die Lage seit Juli eine andere

Riad & Washington – BFF no more? – Beobachtungen zum sich rapide wandelnden Verhältnis der (ehemaligen?) Verbündeten USA und Saudi-Arabien

Ist das Ende da? – Die psychologischen Auswirkungen der anhaltenden Nullzinspolitik der US-Notenbank als Anzeichen einer tiefgreifenden Systemtransformation

Startschuss zur Revolution – Der VW-Skandal könnte das Ende der Öl-Wirtschaft einläuten

Mit Al-Qaida für den Frieden – Strategische Verschiebungen auch im islamistischen Lager

Wer solche Verbündeten hat… – Der Krieg im Jemen als Falle der US-Regierung für ihre „Alliierten“ in Riad und deren Fürsprecher in Washington gedeutet