Die Kunst der wohlgetimeten Eskalation

Die Spannungen am Golf nehmen täglich zu, gleichzeitig droht Chinas Börsenkrise die Welt mal wieder anzustecken. Die wirklich interessante Frage ist jedoch: Warum gerade jetzt?

Vor einer Woche ließ die saudische Regierung einen schiitischen Prediger hinrichten, es folgten wütende Proteste im Iran, die wiederum für Riad der Grund oder Vorwand waren, die diplomatischen Beziehungen einzustellen. Inzwischen sind auch Flüge und der Import von iranischen Pistazien und eingelegtem Gemüse eingestellt, und zeitweise beschuldigte Teheran Riad gar, seine Botschaft im Jemen bombardiert zu haben – später hieß es jedoch, die Bomben seien „nur“ in der Nachbarschaft der Botschaft detoniert.

Synchrone Zuspitzungen weltweit

Gleichzeitig in China: Nachdem es in den letzten Monaten tendenziell aufwärts ging, stürzten am Montag vergangener Woche angesichts schlechter Konjunkturdaten und eines leichten Absackens des Yuan-Kurses die Börsen mal wieder ab.

Weiter auf telepolis

Anmerkung: Leider sind bei der Veröffentlichung die eingebauten Links verlorengegangen. Dabei ging unter anderem der Bezug zum älteren Artikel „Die neue Geopolitik“ verloren, der das gern unterschätzte „Atomabkommen“ mit dem Iran in einen geopolitischen Kontext stellt.

Advertisements

5 Gedanken zu “Die Kunst der wohlgetimeten Eskalation

  1. „Auch wenn alles immer noch eine Verkettung merkwürdiger Zufälle sein kann: Es entsteht der Eindruck, dass die chinesische Regierung die Drohung mit einer Kernschmelze des Weltfinanzsystems als politisches Druckmittel benutzt, um Schritt für Schritt die Umsetzung des „Atomabkommens“ mit dem Iran zu erzwingen. “
    Hm-m, ist es nicht eher so, dass China aus einem Überlebenstrieb gehandelt wird. Ich bin sicher kein Experte aber, wenn man sich von schmerzen krümmt und nach den Medikamenten sucht, denkt man wenig an die Nebeneffekte. Ich würde es so sehen, dass der erste Crasch war vielleicht sogar s. z. gesetzmäßig entstanden. Dass Finanzmarkt global ist, ist einleuchtend, dass die Politik in Nahe Osten spiegelte sich dorthin und vielleicht auch den Zeitpunkt damit bestimmte. Es war s. z. das letzte Tropfen, das schon schwankende Waage aus Gleichgewicht brachte. Chinas Handeln war nur die Antwort, nicht die Absicht. Die weiteren Schritte war eben das Vorgehen gegen die Nebeneffekte, die durch die (erste) Medikamente entstanden.
    Ich kenne das Finanzmarkt zu wenig, dennoch gerade seine Unberechenbarkeit macht es nicht zu geeigneten Mittel gezielt zu steuern. Wobei… was war es mir russischen Rubel? Irgendwo meine ich gelesen zu haben, dass auch dort wurde vermutet, dass es gezielt zur der Rubelschwäche gesteuert wurde. Vielleicht aber eher auf die Weise, dass den schon nervösen Märkten die bestimmten Informationen geliefert wurden, die s. z. zu letzten Tropfen wurden. So z.B. wie in einer Assoziation mit den Medien nach Attentat auf Papst. In Analogie würde es bedeuten: die Medien waren – schon aufgrund der Kampagnen des Kalten Krieges – nervös. Die Nachrichtendienste haben Informationen geliefert, dass es bulgarische KGB waren. So könnte das kalte Krieg sich mindestens sprachlich wieder erwärmen – also eine Seite der Waage echt nach unten drücken.
    Dennoch solches Vorgehen unterscheiden sich grundsätzlich von Chinas. Wenn oben beschrieben Beispiel beschreibt eine lenkende Wirkung, in China ist es eine regulatorische Wirkung. Vielleicht ist es auch der Pionier in der relativen Regulierung der Märkte. Ich bin überzeugt, dass die Zukunft wird der Freiheit der Märkte Schränken setzen. Wenn man überlegt, dann es prinzipiell absolute Freiheit nicht geben kann bzw. absolute Freiheit verwandelt sich zwangsläufig in sein Gegenteil. Der Streit kann nur um die Grenzen, innerhalb dessen die Freiheit kann sich ungestört entfalten, gehen.

    mfg
    Irena

    Gefällt mir

    • Ja, das ist die gängige Sichtweise und auch durchaus möglich. Aber beim dritten Mal innerhalb von 7 Monaten wird es doch ein wenig merkwürdig, oder? Jedesmal genau zur passenden Zeit, um alle (Finanz-)Welt in Schrecken zu versetzen.
      „Unberechenbar“ ist genauso relativ wie „Freiheit“. In China gab es im Frühjahr eine (staatlich geförderte) extreme Börsenblase, deren Platzen nur eine Frage der Zeit war. Und dieser Zeitpunkt lässt sich durchaus ein Stück weit steuern, und sei es nur durch Informationen, wie Sie ja auch schreiben. Dass im Juli noch nicht alle Luft entwichen war, war ebenfalls offensichtlich, und so dauerte es nicht lang bis zum nächsten Absturz im August. Über Absichten zu diskutieren ist letztlich immer unbefriedigend, weil es selten definitive Antworten gibt, aber die grundsätzliche Möglichkeit, dass solche Dinge bewusst als Druckmittel eingesetzt werden, sollte bedacht werden.
      Die ‚Freiheit‘ der Finanzmärkte ist schon jetzt de fakto stark eingeschränkt, weil die entscheidenden Akteure seit 2008 die Zentralbanken sind: Ohne deren Maßnahmen gäbe es gar keine Märkte mehr.

      (s. z. heißt ’sozusagen‘, wenn ich richtig lese? ;-)

      Gefällt mir

  2. Am fragwürdigsten in dem Zusammenhang finde ich die Tatsache, dass die „staatlich geförderte“ Börsenblase am stärksten das China selbst getroffen hat. Die Blase dabei war doch eine negative Nebenwirkung der tatsächlichen Förderung…

    Die Finanzmärkte… Ein interessantes Thema und eigentlich müsste m. E. es zu Schulfach werden. Da ich weit von Finanzwelt und überhaupt Politik bin, war für mich die Lektüre (noch nicht zu Ende gelesen) von Dani Rodrik „Das Globalisierungsparadox“ sehr als hilfreich. Was mir hier (meine in Deutschland) in Diskussionen aufgefallen ist, die Menschen, die für freien Markt appellieren, nehmen nicht wahr, dass sie ihren Wohlstand mit – nur zum Teil freien – Markt erreicht haben. Auch mir war es nicht bewusst, dass es zwei unterschiedliche Phasen der Entwicklung der Märkte gibt, die muss man unterscheiden, wenn man sich mit Politik beschäftigt.

    Dass die Freiheit der Märkte bis in die 80-ern war relativ frei. Die nationalen Interessen haben die globale Freiheit beschränkt. Dann wurde politisch die Freiheit der globale Markt akzentuiert, die nationale Markte beschränkte. M.E. vielen diese Unterscheidung ganz entfällt.
    Na ja, aber es ist schon anderes Thema…

    Gefällt 1 Person

    • „Freiheit“ ist für viele Menschen immer das, was sie selbst subjektiv für sich empfinden. Dass die eigene Freiheit oft für andere Menschen Unfreiheit bedeutet (gerade auf Märkten), wird nicht wahrgenommen.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s