2016 – Vorhersagen, die Zukunft betreffend

Was auf die große weite Welt so alles zukommt im neuen Jahr, hat mir netterweise meine bewährte Kristallkugel verraten. Vorweg: Es bleibt auch im neuen Jahr turbulent und wechselhaft!

Kurzer Rückblick, 2015 betreffend

Ein paar Dinge hatte ich vor ziemlich genau einem Jahr ganz passabel vorhergesagt: Die Entwicklung des Ölpreises etwa oder die Internationalisierung des Krieges im Jemen. Auch meine Prognosen zur weiteren Entwicklung des Konflikts in der Ukraine waren weitgehend richtig, wobei ich nicht unbedingt erwartet hatte, dass die Regierung bis Jahresende im Amt bleiben würde. Gleiches gilt für Syrien, wo mich zwar das dominante Eingreifen Russlands etwas überrascht hat, keineswegs aber die Tatsache, dass der “Islamische Staat” zurückgedrängt wird und Assad sich an der Macht hält. Die Auseinandersetzung um Griechenland war nach der Neuwahl-Ankündigung vorprogrammiert, doch hätte ich mit deutlicheren Zugeständnissen seitens der EU-„Partner” gerechnet – abwarten, die jetzige Situation ist keineswegs in Stein gemeißelt. Der Fall des Eurokurses bis zu einem gewissen Punkt stand ebenfalls auf meiner Jahresliste, doch hatte ich danach einen kontinuierlicheren Anstieg erwartet statt des zu beobachtenden Zickzackkurses.

Soweit so gut…aber das Wichtigste fehlte leider

In Aserbaidschan, Pakistan und Venezuela hatte ich mit politischen Unruhen gerechnet, die sich nicht materialisierten. Den erneuten Krieg Erdogans gegen die Kurden hatte ich hingegen überhaupt nicht auf dem Schirm, und erstaunlicherweise auch nicht die beiden wichtigsten Entwicklungen des abgelaufen Jahres: Die zunehmende Internationalisierung der chinesischen Währung, die in ihrer Aufnahme in den SZR-Währungskorb gipfelte, und das epochale “Atomabkommen” der P5+1 mit dem Iran vom 14. Juli. Letzteres ist Teil des größeren Trends hin zu einer Renaissance der Vereinten Nationen, die sich auch bei den richtungsweisenden Entscheidungen zur Ukraine, zu Syrien, Staateninsolvenz und Klimawandel beobachten lässt. Die unipolare Welt der 90er Jahre ist seit 2015 endgültig Geschichte, und damit kommt notwendigerweise die lange stiefmütterlich behandelte internationale Diplomatie wieder stärker zu ihrem Recht.

Nun also 2016 – die Wette gilt!

I. Kriege

In Syrien wird der IS zerschlagen und ein Waffenstillstand zwischen Regierung und Opposition erreicht, womit der Wiener Fahrplan ungefähr eingehalten werden kann. Im Irak weitgehend auch, wobei eine kleinere Region unter IS-Kontrolle als “Fuß in der Tür” bleiben könnte. Mossul wird mit US-Unterstützung rechtzeitig vor den Präsidentschaftswahlen befreit. In Libyen kommt es zu einer Vereinbarung zwischen Tobruk und Tripolis, außerdem unterstützen die Europäer die Regierung im Kampf gegen den IS, um ein direktes Eingreifen der Russen zu vermeiden. In Afghanistan spitzt sich hingegen der Konflikt weiter zu, wobei es später im Jahr wieder Verhandlungen geben dürfte. Ein Versuch, andere zentralasiatische Länder zu destabilisieren, ist möglich, aber sehr unwahrscheinlich. Im Jemen geht der Krieg weiter, flaut aber tendenziell langsam ab; irgendwann könnte es zu Verhandlungen zwischen Saleh und den VAE/ Katar kommen und einer de-fakto-Teilung des Landes. Sehr unsicher ist die Entwicklung in der Türkei, aber es steht zu befürchten, dass der Krieg gegen die Kurden an Intensität zunimmt, um so Erdogans Chancen zur Einführung eines Präsidialsystems zu erhöhen – mit Referendum schon 2016, wenn die Stimmung gute Chancen verspricht.

II. Konflikte

In der Ukraine kommt es angesichts der Zuspitzung der Wirtschaftskrise zu Protesten, dem Zerbrechen der Koalition und Neuwahlen; Präsident Poroschenko kann mit der resultierenden gemäßigteren Regierung besser zusammenarbeiten. In Saudi-Arabien nehmen aufgrund steigender Preise und außenpolitischer Misserfolge die Spannungen deutlich zu und führen zu offenen Protesten und/ oder Konflikten innerhalb der Königsfamilie. Ein offener Krieg oder Bürgerkrieg im Land ist nicht ganz auszuschließen, aber (noch) wenig wahrscheinlich. Möglich, aber unwahrscheinlich sind Konflikte auch in Ägypten und Aserbaidschan. In Somalia geht die (relative) Entspannung der Lage weiter, während in Nigeria schwere (ethnisch-)soziale Unruhen ausbrechen. Unabhängig vom Ausgang der Wahlen muss auch Taiwan harte Auseinandersetzungen überstehen, möglich, aber weit weniger wahrscheinlich sind sie in Thailand und Japan. In Argentinien und Venezuela sind umfangreichere Proteste gut möglich, in Brasilien sogar ziemlich sicher – und diesmal haben sie auch politische Konsequenzen. Ob Rousseff selbst ihr Amt verliert, hängt letztlich von (öffentlich wahrgenommenem) Erfolg oder Misserfolg der Olympiade ab.

III. Wirtschaft

Wie im Vorjahr richten sich auch 2016 alle Augen auf die Fed, China und den Ölpreis. Letzterer stabilisiert sich auf niedrigem Niveau und schwankt zwischen 30 und 45 Dollar (soweit die Spannungen in Saudi-Arabien nicht doch eskalieren – eine Senkung der OPEC-Förderung später im Jahr ist ebenfalls nicht völlig auszuschließen), Erstere erhöht den Zielkorridor langsamer als erwartet, womöglich sogar gar nicht. Der Dollar fällt tendenziell gegenüber Euro und Yen, jedoch sehr langsam und mit Schwankungen. Die Börsen wie auch der Goldpreis setzen mindestens im ersten Halbjahr ihren langsamen, stark unregelmäßigen Sinkflug fort. Während der globale Handel vor allem aufgrund sinkender chinesischer Exporte weiter lahmt und Rohstoffproduzenten schließen müssen, wird die praktische Umsetzung der Energiewende immer mehr zum beherrschenden Wirtschaftsthema – nicht zuletzt aufgrund neuer Extremwetterlagen in mehreren Regionen.
Ein erneuter großer Krisenschub mit (Schatten-)Bankenpleiten, Börsencrash und Kreditklemme ist durchaus möglich (50:50); in dem Fall hängt der Fortgang weitgehend von der Reaktion von Zentralbanken und Regierungen ab: Alles können sie nicht “retten”; wenn sie es doch versuchen, verschlimmern sie die Situation noch.

IV. China

Beijing setzt im neuen Jahr verstärkt auf regionale Integration (OBOR/ “Neue Seidenstraße”), die Ausweitung der globalen Nutzung der eigenen Währung (“Leuchtturm”-Verträge) und den Umbau der eigenen Wirtschaft: Weg von Ressourcenverbrauch und Export, hin zu erneuerbaren Energien und Dienstleistungen. Die Folge ist ein geringeres Wirtschaftswachstum, aber keine “harte Landung”. Nach Venezuela und Russland werden weitere kriselnde Staaten mittels Währungsswaps und Investitionen unterstützt, ev. unter Einbeziehung des CRA (“BRICS-IWF”). In Afrika wird die Einrichtung einer weiteren (dritten) Militärbasis angekündigt (Burundi? Burkina Faso?), außerdem politische Annäherung an Nigeria aufgrund dessen schwieriger Lage. Im Südchinesischen Meer kann eine Eskalation vermieden werden durch Zugeständnisse an die ASEAN-Staaten auf wirtschaftlichem Gebiet, nachdem diese die Möglichkeit verstärkter Militärkooperation mit den USA angedeutet haben; ein umfassendes Abkommen gibt es jedoch 2016 noch nicht. Weiter nördlich spitzt sich die Konfrontation mit Japan zu: Proteste in beiden Staaten, diplomatische Verstimmung, Provokationen/ “close encounters” zu See oder Luft.

V. Europa

Dank verstärkter (und sehr teurer) “Anstrengungen” der Türkei verringert sich die Zahl der ankommenden Flüchtlinge deutlich, im Gegenzug hat Ankara innenpolitisch freie Hand und wird nicht offiziell kritisiert. Das Thema bleibt dennoch präsent, nicht zuletzt aufgrund des zunehmenden Konflikts mit Polen, Ungarn und Dänemark. Die Austeritätspolitik tritt damit etwas in den Hintergrund und wird, auch aufgrund niedriger Zinsen, großzügig ausgelegt (außer bei der portugiesischen und ggf. irischen Mitte-Linksregierung). Insgesamt ist also eine prekäre Beruhigung der Europapolitik zu beobachten, die ebenso wie die andauernden Konflikte im europäischen Umfeld dazu beiträgt, dass die aufkommende EU-Reformdiskussion um Fünf-Präsidenten-Bericht und neue Briten-Klauseln zunächst wenig Aufmerksamkeit erregt. In Spanien kommt es (vermutlich im Herbst) zu Neuwahlen und der Bildung einer Mitte-Linksregierung.

VI. Sonstiges

Die Vorwahlen in den USA sind zeitweise spannend, doch der dann folgende Wahlkampf lediglich noch bombastischer und inhaltsleerer als sonst, weil es zwischen den KandidatInnen Hillary Clinton und Ted Cruz keine feststellbaren politischen Unterschiede gibt. Den Ausschlag geben dann letztlich die Themen, die 2016 dominant waren: Wenn es zu schweren wirtschaftlichen Turbulenzen kommt siegt vermutlich Cruz, wenn nicht dominiert die Außenpolitik und siegt Clinton. Der Abgang von “The Donald” Trump ist so schillernd und umstritten wie seine ganze Kampagne; Manche glauben, im Getöse ein “I’ll be back!” gehört zu haben.

Auch ohne so spektakuläre Ergebnisse wie 2015 und trotz ihres weiterhin schwachen Generalsekretärs steigen Bedeutung und Ansehen der Vereinten Nationen weltweit; in mehreren regionalen Konflikten gelingt ihnen die Vermittlung, und auch bei der Anpassung an den Klimawandel kann die Organisation zumindest Zeichen setzen. Die Wahl des neuen Generalsekretärs (eine Frau kann sich dieses Mal noch nicht durchsetzen) im September ist der diplomatische Höhepunkt des Jahres und versöhnt für einen Tag sogar Obama und Putin.
Technologisch gibt es in den Bereichen Energiespeicherung und Computerchips wichtige Fortschritte, außerdem steigt die “Weltraumbegeisterung” wieder deutlich an. Google glass funktioniert zwar immer noch nicht, dafür tauchen die ersten “car selfies” am Steuer selbstfahrender Autos auf. Zunehmend wird gesellschaftlich über das Themenfeld soziale Gerechtigkeit, Solidarität und “Gutes Leben” diskutiert. Und Terrorismus gibt es leider immer noch.

 

Ich dachte ja immer, der berühmte Satz “Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.” stamme von Karl Valentin, gesprochen ‘Falentin’ – aber eine oberflächliche Recherche belehrt mich eines Besseren: Es gibt diesbezüglich diverse Theorien; nichts Genaues weiß man nicht.

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