Wer solche Verbündeten hat…

Ein halbes Jahr nach Beginn der Luftangriffe im Jemen ist die Strategie der Angreifer weiterhin rätselhaft. Werden möglicherweise innerhalb der Koalition sehr unterschiedliche Ziele verfolgt?

Gestern waren es genau sechs Monate, seit eine von Saudi-Arabien geführte Koalition arabischer Staaten mit der Bombardierung von Zielen im Jemen begann. Nachdem der Krieg in den Medien zunächst fast völlig ausgeblendet wurde, ändert sich dies nun langsam: Die offensichtlichen Kriegsverbrechen, insbesondere die quasi systematische Zerstörung der zivilen Infrastruktur, werden ebenso zum Thema wie die wachsende Not der Zivilbevölkerung – und nicht zuletzt die weitreichende technische und logistische Unterstützung der Angreifer durch westliche Staaten, insbesondere die USA. Mitte Juli begann mit der Eroberung von Aden auch der Bodenkrieg, geriet aber nach ersten Erfolgen bald bei Taiz und Marib ins Stocken.

Wie aufgrund der schwierigen Geographie und Bügerkriegserfahrung der Milizen im Nordwesten des Landes nicht anders zu erwarten war, scheint ein Sieg der Koalitionäre trotz technischer Überlegenheit in weiter Ferne. Über ihre Verluste gibt es keine verlässlichen Angaben, doch sind sie mit Sicherheit höher als erwartet, und der angekündigte Angriff auf Sana’a von mehreren Seiten lässt weiterhin auf sich warten.

Für die Saudis, die auf einen raschen Erfolg gehofft hatten, gleich in mehrfacher Hinsicht ein Problem: Die Kosten des Krieges belasten den ölpreisbedingt ohnehin tiefroten Staatshaushalt, und die Gefahr eines Übergreifens der Kämpfe auf das eigene Staatsgebiet wächst mit jedem Tag. Auch bedeutet die längere Dauer einen enormen Gesichtsverlust für das Königreich und dürfte dazu beitragen, den eigenen Verbündeten die Lust am Feldzug zu verderben. Selbst in der königlichen Familie wachsen die Zweifel am politischen Kurs des Königs oder vielmehr seines Sohnes, Verteidigungsminister Mohammed bin Salman. Es mag sein, dass dieser geradezu jugendliche “Shooting Star” des Hauses Saud tatsächlich an die eigene Propaganda vom schnellen Sieg geglaubt hat – seine Unterstützer in Washington jedoch müssen es besser gewusst haben.

Nun sag, wie hast du’s mit der Strategie?

Damit stellt sich weiterhin die Frage, welche Ziele Riad und Washington in diesem Krieg tatsächlich verfolgen, wenn das öffentlich propagierte “Hadi zurück an die Macht, Houthis in die Berge!” doch offensichtlich immer schon unrealistisch war. Manche Beobachter vermuten eine geplante Teilung des Landes: Wenn der Süden und Osten von den Golf-Alliierten kontrolliert würde, ergäbe sich die Möglichkeit, eine Ölpipeline von Saudi-Arabien (sowie den Emiraten) bis zum Hafen von Mukallah an der jemenitischen Küste zu bauen. Zur Sicherung dieser Region scheinen die “Terrorgruppen” AQAP und IS der Koalition de fakto als Hilfs-Bodentruppen zu dienen.

Eine Pipeline durch ein Bürgerkriegsland zu bauen ist teuer und nicht ohne Risiken, doch wäre sie in genau einem Fall von unschätzbarem Wert: falls aufgrund eines Krieges gegen den Iran die Straße von Hormuz gesperrt sein sollte. Könnte es also sein, dass die derzeit zu beobachtende Aufteilung des Jemen der Vorbereitung auf einen Irankrieg dienen soll(te)? Durchaus denkbar – insbesondere aber ist es gut möglich, dass dies seitens der US-Regierung mit den Saudis so abgesprochen war, zumal deren Sorge vor einer “Umzingelung” durch Teheran und seine Parteigänger sicherlich echt ist.

Kleiner Verrat unter Freunden?

Die Unterzeichnung des “Atom”abkommens der “P5+1”-Staaten mit dem Iran am 14. Juli änderte die Lage jedoch grundlegend. Unter der Annahme, dass Washington hier nicht mit gezinkten Karten spielt und tatsächlich hinter der Vereinbarung steht, wäre der erfolgreiche Abschluss der Verhandlungen dann eine äußerst unangenehme Überraschung für die saudischen Herrscher gewesen, die sie nicht zu Unrecht als “Verrat” ihrer US-Verbündeten wahrnehmen würden. Mindestens genauso böse überrascht fühlen dürften sich allerdings die Vertreter insbesondere der US-Republikaner, die stets für eine (fast) bedingungslose Kooperation mit Riad getrommelt hatten – ihre unglaublich emotionale Ablehnung des Iran-Abkommens würde das ein Stück weit verständlicher machen.

Rückblickend könnte damit die regierungsoffizielle US-Unterstützung für den Krieg der Golf-Koalition eine völlig andere Deutung erfahren: Handelte es sich am Ende um eine Falle für die (dann ehemals) mit ihnen alliierten Saudis, um diese während der wichtigsten Verhandlungsrunden mit dem Iran zu beschäftigen und gewissermaßen zu “neutralisieren”?

Diplomatische Störmanöver der mittelöstlichen Verbündeten hätten womöglich die Einigung verhindern können, doch aufgrund des Krieges waren Riad die Hände gebunden: Die Kriegsverbrechen der Luftangriffe machten das Königreich medial und diplomatisch “verwundbar”, es hätte sich also schnell am Pranger der globalen Öffentlichkeit wiederfinden können. Für die These eines doppelten Spiels der US-Regierung spricht auch der erstaunlich schnelle Vormarsch der Houthi-Rebellen: Dieser war nur möglich, weil die Armee sich ihnen nicht in den Weg stellte – welche größtenteils weiterhin dem ex-Präsidenten und langjährigen US-Alliierten Saleh ergeben ist.

Abstieg oder Untergang des Hauses Saud?

Saudi-Arabien hat aufgrund dieses Kurswechsels ab sofort als (Zweck-)Verbündeter Washingtons ausgedient und wird gerade rasend schnell vom ‘asset’ zur ‘liability’, also vom strategischen Aktivposten zur peinlichen Belastung, mit der keinE PolitikerIn mehr assoziiert werden will. Medial werden das Königreich und der Wahhabismus zunehmend harsch kritisiert, seit Thomas Friedman sie in der New York Times faktisch zum Abschuss freigegeben hat. Es fehlt eigentlich nur noch ein emotional wirkungsvolles Schlüsselereignis, das zum Katalysator dieser Umschwungs werden und den Ruf der Saudis endgültig ruinieren könnte –  gewissermaßen als saudischer “Aylan-Kurdi-Moment”.

Wenn die Behauptung stimmt, dass Russland via Hisbollah die Houthis im Jemen unterstützen wird, erübrigt sich die Frage nach den Erfolgsaussichten der “Koalition”, und ihre Tage dürften gezählt sein. Ohnehin scheint es mit ihrer Einigkeit nicht weit her zu sein, wie die verdächtig vielen Fälle von “friendly fire” und die angebliche Hinrichtung von flüchtenden Koalitions-Soldaten durch Al-Qaida nahelegen. Könnte es sein, dass Saudi-Arabien seine “Alliierten” mit einigem Nachdruck zum Weiterkämpfen überreden muss, während die Emirate und Katar den strategischen Schwenk der US-Regierung mitvollzogen haben und eigentlich den Krieg beenden würden? Sollten sie inzwischen als Vertreter der neuen Washingtoner Linie in der Golf-„Koalition” agieren, würde das auch das kurzfristige Fortbleiben von Saudi-König Salman und weiteren Staatsoberhäuptern beim US-GCC-Gipfel in Camp David im Mai im neuen Licht erscheinen lassen.

Angesichts dieser Brüche wäre ein baldiger plötzlicher Seitenwechsel oder separater Waffenstillstand seiner “Verbündeten” im Jemen-Krieg für Riad zwar mehr als unangenehm, aber keine wirkliche Überraschung mehr. Den Saudis gehen die Optionen aus; sie müssen sich zwischen einer schlechten (Waffenstillstand) und einer noch schlechteren (zermürbender langer Krieg) Möglichkeit entscheiden und sich mittelfristig auf ein deutliches Zurückstutzen ihrer Rolle im Mittleren Osten einstellen. Die Folgen dieser Schmach für das Königreich werden gravierend sein. Ohne weitreichende innenpolitische Reformen könnten sie das Land zerreißen, und es ist unsicher, ob das Haus Saud dieser Aufgabe gewachsen ist.

 

Die Einschätzung der tatsächlichen strategischen Ziele, die von den beteiligten Akteuren im Jemen-Krieg verfolgt werden, ist mangels brauchbarer offizieller Aussagen auf Spekulationen angewiesen und daher niemals definitiv. Dieser Versuch einer Erklärung berücksichtigt nicht nur die Vorgänge in der Region selbst, sondern auch die größeren (geo-)politischen Umwälzungen, die derzeit in der Welt zu beobachten sind, von den meisten Kommentatoren jedoch nicht ausreichend berücksichtigt werden.

 

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über die strategische Neuausrichtung der USA und deren politische und ökonomische Auswirkungen. Bisher erschienen:

Die neue Geopolitik – Die Folgen des #Irandeals – Eine Übersicht der geostrategischen Bedeutung des „Atom“-Abkommens der P5+1 mit Teheran

2015 als Wendepunkt – Versuch einer historischen Einordnung der aktuellen Entwicklungen

„I think we have a deal“ – Beschreibung und Deutung der veränderten Situation in Syrien

Zeichen der Entspannung aus Kiew – Auch in der Ukraine ist die Lage seit Juli eine andere

Riad & Washington – BFF no more? – Beobachtungen zum sich rapide wandelnden Verhältnis der (ehemaligen?) Verbündeten USA und Saudi-Arabien

Ist das Ende da? – Die psychologischen Auswirkungen der anhaltenden Nullzinspolitik der US-Notenbank als Anzeichen einer tiefgreifenden Systemtransformation

Startschuss zur Revolution – Der VW-Skandal könnte das Ende der Öl-Wirtschaft einläuten

Mit Al-Qaida für den Frieden – Strategische Verschiebungen auch im islamistischen Lager

Wer solche Verbündeten hat… – Der Krieg im Jemen als Falle der US-Regierung für ihre „Alliierten“ in Riad und deren Fürsprecher in Washington gedeutet

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