Zentralasien: Drohender Konflikt abgewendet

Kurzzeitig sah es dieses Jahr so aus, als könnten die weitgehend überwunden geglaubten geopolitischen Spannungen in Zentralasien wieder virulent werden. Doch mit dem Abschluss des “Atom”abkommens mit dem Iran und der dadurch klareren und kooperativeren politischen Großwetterlage ist diese Gefahr nunmehr gebannt.

Im Jahr 2010 war das zehnjährige “Neue Great Game” um Zentralasien de facto entschieden: Turkmenistan hatte beschlossen, sein Gas an Russland und China zu liefern, der Abzug aus Afghanistan wurde in die Wege geleitet, eine Revolte gegen den pro-russischen Regierungswechsel in Kirgisistan scheiterte, und damit war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Bishkek ebenso wie zuvor Tashkent die US-Armee aus dem Land werfen würde. Der 2001 begonnene Vorstoß der USA bzw. der NATO in den “russischen Hinterhof” war gescheitert, stattdessen würde die Region nun militärisch und kulturell von Russland, ökonomisch jedoch von China dominiert werden.

“Wahlen”, Minderheiten und Islamismus

Doch in jüngster Zeit gab es beunruhigende Anzeichen für eine mögliche erneute Eskalation, gar eine dritte Front im andauernden Konflikt des Westens mit Russland und dem Iran: Dies begann im März mit einer bizarren Meldung über die angebliche Lieferung von 150 Tonnen “Diplomatengepäck” an die US-Botschaft im kirgisischen Bishkek, was Viele über Parallelen zu den “Maidan”-Vorbereitungen in der Ukraine spekulieren ließ. Angesichts anstehender Wahlen in dem Land kein ganz unrealistischer Gedanke, wobei die Grenzen in der Region schwer kontrollierbar sind und auch ein anderes Land als Ziel vorstellbar wäre: Ende März wurde in Usbekistan und Ende April in Kasachstan der “autoritäre” Präsident des jeweiligen Landes mit über 90% der Stimmen wiedergewählt. Solche Wahlen waren schon in vielen Ländern Anlass für Proteste und versuchte Staatsstreiche, und unzufriedene Minderheiten, die sich im Bedarfsfall instrumentalisieren lassen, gibt es überall in Zentralasien. Weitere interessante Episoden, die im Fall von Unruhen eine größere Bedeutung hätten annehmen können, waren die Kampagne gegen Kasachstan im Juni (PolitikerInnen als “Image-BotschafterInnen”) und eine aufkommende Internetbewegung in Usbekistan im Juli, bei der sich Menschen mit dem Satz “Wir haben keine Angst” fotografierten.

Ein zweites potentielles (und teils reelles) Konfliktfeld in der Region ist weiterhin der Islamismus: Die “Islamische Bewegung Usbekistans” hatte bereits im Vorjahr dem “Islamischen Staat” ihre Gefolgschaft erklärt und bekräftigte dies nun nach der Bestätigung des Todes des Taliban-Führers Mullah Omar Ende Juli. Der neue “Herrscher der Gläubigen” Mullah Mansur muss um Anerkennung im islamistischen Lager kämpfen, nicht zuletzt weil der Tod seines Vorgängers den Anhängern zwei Jahre lang verschwiegen wurde. So wundert es kaum, dass einige Taliban zwischenzeitlich zum IS übergelaufen sind (der nach manchen Berichten auch besser zahlt); auch die Welle der Gewalt in Kabul Anfang August muss im Kontext dieses Machtkampfs gesehen werden. Tadschikistan scheint ebenfalls betroffen zu sein, so erklärte sich der u.a. von den USA ausgebildete Kommandeur der Spezialkräfte Khalimov zum IS-Anhänger  – das jüngst erfolgte Verbot einer islamischen Partei in dem Land lässt das nebenbei in einem anderen Licht erscheinen. Gleichzeitig sollen sich auch verstärkt Zentralasiaten auf den Weg nach Syrien gemacht haben, um dort für den IS zu kämpfen – und dann womöglich mit neuer Erfahrung und Autorität zurückzukehren, um den “Djihad” in ihre Heimatländer zu tragen.

Zentralasien vor einem Neuanfang

Doch seit dem 14. Juli hat sich auch hier das Blatt gewendet: Nach dem BRICS/SCO-Gipfel im russischen Ufa Anfang Juli sah sich der Westen einer Übermacht fast aller asiatischen Staaten in Form der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) gegenüber und war gezwungen, von Konfrontation und offenen Drohungen auf Kooperation umzuschalten. Das Ergebnis war der erfolgreiche Abschluss des “Atom”abkommes (tatsächlich handelt es sich um sehr viel mehr) der fünf Vetomächte und Deutschlands mit dem Iran, der im Wesentlichen der Vermittlung Moskaus zu verdanken sein dürfte, das sich seit jeher für eine diplomatische Lösung starkgemacht hatte. Dies bedeutet eine empfindliche Niederlage der Hardliner innerhalb der der westlichen Staaten, deren Expansionsbestrebungen damit auf absehbare Zeit, vermutlich sogar dauerhaft gescheitert sind. Nicht zuletzt betrifft das Zentralasien: Hier, im Herzen Eurasiens zwischen Russland, China Indien und dem Iran wird nun endgültig eine ganz neue Dynamik möglich, an der China mit seinem Projekt der “Neuen Seidenstraße” bereits seit zwei Jahren arbeitet. Das wird auch politische Veränderungen mit sich bringen, die aber im Interesse der wirtschaftlichen Entwicklung weitestgehend friedlich ablaufen dürften. Die nächste wichtige Etappe der globalen Diplomatie könnte von daher ein afghanischer Friedensvertrag werden.

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